Minister streiten über Anti-Terror-Datei

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Für Wolfgang Schäuble sind die Sorgen vor einem Anschlag in Deutschland weiterhin "leider sehr real". Für mehr Sicherheit soll eine Anti-Terror-Datei sorgen. Doch die Länderkollegen des Bundesinnenministers streiten über die geeigneten Werkzeuge im Kampf gegen Attentäter.

Hamburg - Im September werde in der Koalition Einvernehmen über Details einer Anti-Terror-Datei hergestellt werden, gab sich Schäuble gestern Abend in den ARD-"Tagesthemen" zuversichtlich. Im Grundsatz gebe es schon Klarheit, eine solche Datei einzurichten und alle verfügbaren Informationen effektiv zu vernetzten. Zugleich plädierte Schäuble für die Wiedereinführung der Kronzeugenregelung, die ganz sicher ein wichtiges Element zur Terrorbekämpfung sei. Die Gefährdungslage in Deutschland sei weiterhin hoch. "Die Sorgen, dass wir mit weiteren Anschlägen rechnen müssen, sind leider sehr real", sagte er. Nach den Ermittlungen zu den beiden Kofferbomben von Dortmund und Koblenz spreche vieles dafür, dass eine Organisation mit terroristischem Hintergrund hinter den Anschlagsversuchen stehe.

Doch bei den Innenministern der Länder gibt es noch keine einheitliche Linie im Kampf gegen den Terror. "Ich muss beim Wettbewerb um den drastischsten Vorschlag des Tages nicht mitmachen", sagte Schleswig-Holsteins Innenminister Ralf Stegner (SPD) der "***". Die Kritik seines niedersächsischen Amtskollegen Uwe Schünemann (CDU) an der von Bund und Ländern geplanten Anti-Terror-Datei sei ein "Störmanöver" und "wenig hilfreich".

Schünemann hatte sich zwar auch für eine Anti-Terror-Datei ausgesprochen. Sie müsse aber "nachgebessert" werden und auch den Bereich Extremismus erfassen, wie etwa Hisbollah-Aktivisten. Zudem sollten bisher umstrittene Merkmale wie die Religionszugehörigkeit aufgenommen werden.

Unterstützung bekam Schäuble vom Präsidenten des Bundeskriminalamtes (BKA), Jörg Ziercke. Wäre die Datei schon Realität, dann hätte man in einer Reihe von Fällen schneller reagieren können. Eine zentrale Anti-Terror-Datei sei durchaus sinnvoll. Eine drastische Ausweitung der Videoüberwachung lehnte er dagegen ab. In einer offenen Gesellschaft könne es keine totale Videoüberwachung geben.

Auch der Chef der Gewerkschaft der Polizei (GdP), Konrad Freiberg, forderte eine rasche Ausgestaltung der gemeinsamen Datei. Er forderte im "Express" ein Ende des Streits darüber, welche Daten wie gespeichert und vernetzt werden sollten. Es werde Jahre dauern, alle Erkenntnisse der Sicherheitsbehörden über potenzielle Terroristen zu zentralisieren. "Wir sollten jetzt so schnell wie möglich damit anfangen, anstatt wertvolle Zeit zu vergeuden", betonte er. Zugleich unterstützte der GdP-Vorsitzende Forderungen, die Überwachung mit Videokameras auszuweiten. "Die Videoüberwachung ist ein wichtiges Hilfsmittel für die Polizei", sagte er. Auch in Zügen der Deutschen Bahn sollten Kameras installiert werden. Entscheidend dabei sei, dass die Aufzeichnungen mindestens 48 Stunden gespeichert werden.

CSU-Generalsekretär Markus Söder forderte in der "Welt" eine Ausweitung der Datensammlung über die bisherigen Pläne hinaus. Religionszugehörigkeit und ethnische Herkunft müssten genauso gespeichert werden wie Reisen in so genannte Risiko-Staaten, wo es terroristische Ausbildungslager gebe wie Pakistan oder Afghanistan. Söder rief den Koalitionspartner SPD auf, den Sicherheitsbehörden alle sinnvollen und technisch möglichen Informationen zur Verfügung zu stellen, um mögliche Terroristen enttarnen zu können. "Wir brauchen keine Placebo-Datei, in der nur Adresse und Geburtsdatum stehen", sagte er. Viele Politiker fordern dagegen eine Index-Kartei, die neben wenigen Daten Hinweise darauf enthält, bei welchen Behörden weitere Einzelheiten gespeichert sind.

Vorschläge für eine stärkere Videoüberwachung und bewaffnete Zugbegleiter stießen dagegen auf Kritik. Bahnvorstand Otto Wiesheu sagte dem "Mannheimer Morgen", Sicherheitsmaßnahmen wie auf Flughäfen seien bei der Bahn wegen der vielen Reisenden nicht möglich. Die Bundespolizei nehme schon heute die Funktion der jetzt geforderten bewaffneten Zugbegleiter wahr. Sie habe täglich rund 5800 bewaffnete Beamte in den Bahnhöfen und Zügen im Einsatz.

Die FDP hält keine Gesetzesverschärfungen für notwendig. "Die versuchten Anschläge wurden ja auf der Basis bestehender Gesetze geklärt", sagte FDP-Innenexperte Max Stadler. Die bisher fehlende gemeinsame Anti-Terrordatei von Polizei und Geheimdiensten sei ein Versäumnis der Bundesregierung. Ihre Einrichtung sei durch die überzogenen Forderungen aus der Union verhindert worden.

spiegel.de
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Die Innenminister von Bund und Ländern haben sich auf einer Sonderkonferenz in Berlin auf eine Anti-Terror-Datei geeinigt. Bundesinnenminister Wolfgang Schäuble (CDU) solle umgehend einen Gesetzentwurf vorlegen, sagte Bayerns Innenminister Günther Beckstein (CSU). Schäuble zeigte sich sehr zufrieden über die Einigung.



Zunächst solle es einen engeren Datenbestand geben, der die Identität der Person festhält. Dieser Datenbestand sei offen, sagte Beckstein, der auch Vorsitzender der Innenministerkonferenz ist. Ein weiterer Datenbestand solle aber verdeckt gehalten werden. Dort solle auch die Religionszugehörigkeit, Auslandsreisen und Waffenbesitz aufgenommen werden.

Die Datei soll gemeinsam von Polizei und Geheimdiensten genutzt werden und alle relevanten Informationen zur Terrorbekämpfung enthalten. Zuletzt war nur noch die Ausgestaltung im Detail strittig gewesen. Bei der Sonderkonferenz in Berlin geht es auch um die Sicherheitslage nach den gescheiterten Bombenanschlägen auf die Bahn.

Bundeswehreinsatz erhöht Terrorgefahr

Die Gewerkschaft der Polizei (GdP) rechnet wegen der geplanten Beteiligung der Bundeswehr an der Libanon-Friedenstruppe mit einer erhöhten Terrorgefahr in Deutschland. "Jedem muss klar sein, dass jede Beteiligung an einem Engagement, das im weitesten Sinn im Zusammenhang mit Islamismus steht, die Terrorgefahr auch bei uns automatisch fördert", sagte der GdP-Vorsitzende Konrad Freiberg der "Berliner Zeitung". Auch Beckstein geht davon aus, dass durch den geplanten Nahost-Einsatz der Bundeswehr die Terrorgefahr in Deutschland weiter steigt.

Personalmangel bei der Polizei

Freiberg warf den Ländern vor, die Polizei im Anti-Terror-Kampf personell zu schwächen. "Es gibt bei den Innenministern einen eklatanten Widerspruch zwischen Reden und Handeln", sagte er. Seit dem 11. September 2001 hätten die Länder die Zahl der Polizisten um 7.000 auf bundesweit 266.000 reduziert, weitere Kürzungen seien geplant. "Wir haben in Deutschland rund 100 Gefährder, von denen wir annehmen, dass sie bereit sind, Anschläge zu begehen. Wir sind aber personell nicht in der Lage, diese Leute rund um die Uhr zu überwachen", beklagte Freiberg.

Durchbruch in Sicht

Mit dem so genannten Terrorbekämpfungs-Ergänzungsgesetz, das erweiterte Auskunftsbefugnisse der Sicherheitsdienste gewährleisten soll, und durch die Anti-Terror-Datei werde man rasch Schutzlücken schließen können, sagte Unions-Fraktionsvize Wolfgang Bosbach (CDU) der "Leipziger Volkszeitung".

Der stellvertretende SPD-Fraktionschef Fritz Rudolf Körper sagte der "Leipziger Volkszeitung", Schäuble und Justizministerin Brigitte Zypries (SPD) hätten ein tragfähiges Ergebnis erzielt. "Es wird im Bereich der so genannten Grunddaten eine Volltext-Datei geben und im Bereich des erweiterten Datenbestandes eine verdeckte Datei." Bei einem Terrorverdacht könne abgerufen werden, wer Erkenntnisse oder Ergebnisse hat. Dann werde nur ja oder nein bestätigt. Wenn ja, müsse auf individuellem Wege nachgefragt werden.

Überwachungs-Gesellschaft?

Der Bundesbeauftragte für den Datenschutz, Peter Schaar, warnte vor Aktionismus im Kampf gegen den Terrorismus. Er sehe mit Sorge, dass sich Deutschland "immer mehr" zu einer Überwachungs-Gesellschaft entwickle. "Das ziellose Erheben und Auswerten von Daten halte ich nicht nur für einen wenig effizienten, sondern auch für einen verfassungsrechtlich höchst problematischen Weg", sagte Schaar in einem Interview.

n-tv.de