Banlieue - das Feuer brennt seit 20 Jahren

Thurgood


Der Tod von zwei Jugendlichen in einem Pariser Vorort hatte vor einem Jahr wochenlange Proteste ausgelöst. Mit einem Schweigemarsch haben heute rund 1000 Menschen an den tragischen Vorfall erinnert. 4000 Polizisten wurden zusätzlich eingesetzt, am Abend zündeten Vermummte zwei Linienbusse an.

Was ist die Banlieue? Eine Anhäufung endlos hoher und endlos langer Hochhäuser. Keine Kinos, keine Jugendzentren, keine Bibliotheken, keine Diskotheken. Ursprünglich mal als günstiger Wohnraum für alle gedacht, sind die Franzosen aus der Mittelschicht inzwischen alle weg gezogen, bleiben nur noch die mit Migrationshintergrund und die Einwanderer. Die meisten von ihnen werden das Viertel, in dem sie geboren sind, nie verlassen, die Nahe Lichterstadt Paris nie kennen lernen. Arbeitslosigkeit, tägliche Demütigung durch Behörden, unwürdige Wohnumstände - das ist ihre Welt.

Die Straßen werden beherrscht von Gangs, die glauben, ihre Lage mit Waffen- und Drogenhandel sowie Diebstählen verbessern zu können. Die meisten versuchen jedoch, sich und ihren Kindern ein besseres Leben zu ermöglichen, indem sie jeden noch so miesen Job annehmen. Sie arbeiten hart und erwarten, dass sich das auch auszahlt.

Diese Beschreibung ist 20 Jahre alt und trifft auch heute noch zu.

Altbekannte Probleme

"Was Sie heute erleben, diese Probleme in der Banlieue, hatten wir vor 20 bis 30 Jahren", sagt Moustafa Benlafki. Er ist ein Bewohner der Banlieue Courneuve, in der 1983 der neunjährige Toufik Ouanès getötet worden war. Damals nicht das erste unschuldige Opfer eines Polizeieinsatzes. 100.000 Menschen gingen in der Folge auf die Straße, demonstrierten für ihre Gleichbehandlung. Unter Präsident Mitterand wurde damals die Vereinigung "SOS Racisme" gegründet, es entstand die Bewegung der Beurs, der jungen französischen Muslime, die sich für ihre Würde und ihren Stolz einsetzten.

"Die Politik hätte damals schon das Feuer löschen können, wenn sie gewollt hätte", meint Benlafki.
"Es wird immer schlimmer!"

Die junge Buchautorin Faiza Guène ist eine Vertreterin der nächsten Generation. Auch sie stammt aus der Banlieue. Ihre Eltern sind algerische Einwanderer. Und sie sagt: "Ich habe den Eindruck, dass die sozialen Probleme immer schlimmer werden."

Zu den Problemen zählen: die Provokationen durch die Hundertschaften von jungen Polizisten, die kaum der Polizeischule entwachsen, schon in die Banlieues geschickt werden und nicht anders als überfordert reagieren können. Die pure Repression des französischen Staats auf alle Probleme. Auch die Gettoisierung von Dutzenden Nationen, die zusammengepfercht werden. Die weniger gut ausgebildeten Lehrer, die in die Banlieues abgeschoben werden. Schlechtes Schulmaterial. Keine Freizeitmöglichkeiten. Kein Geld. Keine Arbeit.
Aufraffen und selbst Politik machen

"Arbeit!" haben 20.000 Bewohner aus 120 Banlieue-Orten an oberster Stelle eine Beschwerdeliste gestellt, die sie am Mittwoch dem Parlament übergeben haben. "Nur weil man Araber oder Schwarzer ist, kann man keinen Beruf haben, oder seinem Schicksal nicht entkommen. Mit diesen Klischees muss Schluss sein", sagt Banlieue-Bewohner Benlafki. Die Jugendlichen in den Banlieues müssten sich aufraffen und ihr Schicksal selbst in die Hand nehmen, ein nützliches Mitglied der Gesellschaft zu werden. Sie könnten nicht alles vom Staat erwarten.

"Sein Schicksal in die Hand nehmen, heißt sich für die Wahlen einzutragen", sagt Taimir Bogupoiti, ebenfalls aus Courneuve. Und Benlafki hat erkannt: Man muss selbst in die Politik gehen.
Derweil die Mädchen...

Doch das ist nicht alles. Der Blick der weltweiten Kameras richtet sich derzeit nur auf die randalierenden Jungen. Die Mädchen in den Banlieues sind längst dabei, sich zu emanzipieren - unbemerkt von der Weltöffentlichkeit, weil weniger spektakulär. So meint die junge Starautorin Faiza Guène: "Ich bin überzeugt, wenn sich was ändert, dann dank der Frauen in der Banlieue."

Initiativen, Verbände, Patenschaften, junge Leute, die was auf die Beine Stellen - es ist genau wie vor 20 Jahren. Die Zukunft wird zeigen, ob die französische Mehrheitsgesellschaft überhaupt bereit ist, seine Einwanderer aus den Ghettos zu lassen.

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