Giftanschlag auf ehemaligen KGB-Agenten

Thurgood


In London kämpft ein russischer Ex-Agent mit dem Tod, nachdem ihn Unbekannte vergifteten. Die Täter sollen dem russischen FSB angehören - der Nachfolgeorganisation des KGB. Das angebliche Motiv: Das Opfer recherchierte über den Tod der Journalistin Anna Politkowskaja.

Was Alexander Litvinenko - ein früherer Offizier des russischen FSB, der Nachfolgeorganisation des KGB - zu erzählen hat, klingt wie das Plot zu einer Spionagegeschichte aus dem kalten Krieg: Vor neun Tagen traf sich Litvinenko in London mit einem italienischen Informanten, der ihm die Übergabe von Dokumenten versprach, die beweisen sollten, dass der FSB hinter dem Mord an der regimekritischen Journalistin Anna Politkowskaja am 7. Oktober dieses Jahres stand.

Wie in einem Roman von Graham Greene wählten die beiden als Treffpunkt die vermeintliche Sicherheit eines öffentlichen Ortes. Das kurze, hektische Treffen fand in einer Sushi-Bar am Piccadilly-Circus statt. Litvinenkos Informant überreichte die Papiere, trank ein Glas Wasser und "verschwand".

Litvinenko hingegen gönnte sich ein Sushi. Wenig später, berichtet heute die britische Presse, habe er sich schlecht gefühlt und sich "geistesgegenwärtig erbrochen".

Dass Scotland Yard kurz darauf die Bänder der Überwachungskameras des Sushi-Restaurants konfiszierte und nicht etwa die Küche vom Gesundheitsamt auf den Kopf stellen ließ, lag am toxikologischen Befund: Litvinenko war mit Thallium vergiftet worden, einem nahezu geschmack- und geruchlosen, aber hoch giftigem Schwermetall. Ein seltenes, aber beliebtes Gift für Geheimdienstanschläge; ein Gift zudem, an das man nicht leicht herankommt: Tödlich wirkt es schon ab einer Dosis von nur einem Gramm. Scotland Yard geht davon aus, dass das Gift in eines der Fischstücke injiziert wurde, die Litvinenko aß.

Obwohl Litvinenko seine Quelle "Mario" nicht beschuldigen will, scheint es nicht ausgeschlossen, dass der Italiener an dem Anschlag beteiligt war: "Ich habe etwas zu Essen bestellt, aber er aß nichts", schilderte Litvinenko den Vorgang Ende letzter Woche einigen Reportern, die ihn im Krankenhaus interviewen durften. "Er schien sehr nervös zu sein. Er überreichte mir vier Ausdrucke, die ich sofort lesen sollte. Das Dokument enthielt eine Liste von Namen, einschließlich derer einiger FSB-Offiziere, von denen behauptet wurde, im Zusammenhang mit dem Mord an Anna Politkowskaja zu stehen. Das Papier war eine ausgedruckte E-Mail, kein offizielles Dokument. Ich konnte nicht verstehen, warum er den ganzen Weg nach London machen musste, um mir das zu übergeben. Er hätte mir das Ding auch mailen können."

Seit einer Woche nun liegt Litvinenko auf der Intensivstation eines Londoner Krankenhauses, bewacht von der Polizei. Seine Überlebenschancen werden von den Ärzten mit vielleicht 50 Prozent angegeben. Litvinenko, erklären die behandelnden Ärzte, zeige alle typischen Anzeichen für eine schwere Thallium-Vergiftung. Seine Nieren seien schwer geschädigt, er erbreche sich "ohne Unterlass" und habe alle Haare verloren. Ob auch sein Nervensystem und seine Sehkraft in Mitleidenschaft gezogen wurden - auch das typisch für Thallium - ist nicht bekannt. Ein anonymer Freund Litvinenkos wird mit der Aussage zitiert, dieser glaube daran, "auf Befehl Putins vergiftet" worden zu sein.

Ein Racheakt?

Alexander Litvinenko, russischer Agent schon, als der FSB noch KGB hieß, wandte sich 1998 mit Vorwürfen über Korruption in den Geheimdiensten und einen angeblich geplanten Mordanschlag auf den Oligarchen Boris Berezovsky, der Präsident Putin wegen dessen Tschetschenien-Politik kritisiert hatte, an die russische Öffentlichkeit. Russlands erster Milliardär hatte zu diesem Zeitpunkt bereits mehrere Anschläge überlebt, darunter eine Autobombe im Jahr 1994. Vor fünf Jahren suchte und fand Berezovsky in Großbritannien politisches Asyl.

Bis er sich im Jahr 2000 nach Großbritannien absetzen konnte, verbrachte Litvinenko wegen dieser Anschuldigungen und Geheimnisverrats Zeit hinter Gittern: Der Geheimdienst hatte ihn umgehend entlassen. In Großbritannien verfasste er zusammen mit Yuri Felshtinsky das Buch " Blowing Up Russia: Terror from within. Acts of terror, abductions, and contract killings organized by the Federal Security Services of the Russian Federation". Freunde des russischen Exilanten vermuten nun einen Racheakt des FSB - ganz im Stile der im Buch geschilderten Anschläge.

Litvinenko selbst sieht den Anschlag auf seine Person im Zusammenhang mit dem Mordfall Anna Politkowskaja. Diese war vor allem durch ihre Berichte über Menschenrechtsverletzungen in Tschetschenien bekannt geworden - ein Thema, zu dem auch Litvinenko einiges zu erzählen hat. Die russische Journalistin war am 7. Oktober im Fahrstuhl zu ihrer Wohnung in Moskau hinterrücks erschossen worden. In Russland kursieren seither diverse Verschwörungstheorien.

Doch eine heiße Spur zu den Tätern fehlt bislang. Litvinenko will diese nun erhalten haben: Zu vier FSB-Agenten führe sie, die durch die ihm übergebenen Dokumente schwer belastet würden. Wo sich die Dokumente nun befinden, verrät er nicht.

Am Wochenende soll sich Litvinenkos Zustand rapide verschlechtert haben. Russische Nachrichtenagenturen berichten, dass er nicht mehr sprechen könne. In der Nacht zum Samstag habe er erstmals wiederbelebt werden müssen.

spiegel.de
Thurgood


Kurz nach dem Mord an dem Kreml-kritischen Ex-Agenten Litwinenko sicherte Russlands Präsident Putin den britischen Behörden jede Mithilfe bei der Aufklärung des Falls zu. Tatsächlich kann Scotland Yard aber kaum auf Kooperation des Kreml hoffen.

Moskau mauert. Zwar versicherte man gleich nach dem Mord an Alexander Litwinenko der ganzen Welt, man werde die Ermittlungen komplett unterstützen und lud Scotland Yard mit großer Geste nach Russland ein. Aber einmal angekommen, wird es für die englischen Kriminalbeamten schwierig.

Generalstaatsanwalt Juri Tschaika machte schon mal klar, wer wen wie verhören darf: "Wir verhören und sie sind dabei. Das heißt, dass sie nicht in unserer Anwesenheit verhören. Die Untersuchung wird schließlich auf unserem Staatsterritorium durchgeführt. Und sie können nur mit unserer Genehmigung, die übrigens nicht verbindlich ist, daran teilnehmen."

Interessantester Zeuge darf nicht verhört werden

Ein Mann scheidet jetzt schon aus - und zwar der interessanteste für Scotland Yard. Michail Trepaschkin soll dem ermordeten Litwinenko erklärt haben, er kenne die Hintermänner der Sprengung von zwei Moskauer Wohnhäusern 1999, bei der hunderte Menschen starben. Damals wurden Tschetschenen beschuldigt, verhaftet und verurteilt - Russlands Präsident Wladimir Putin zog in den zweiten Tschetschenien-Krieg.

Wie Litwinenko sieht auch Trepaschkin russischen Geheimdienst FSB hinter den Anschlägen. Und zuletzt hatte Trepaschkin Litwinenko wissen lassen, er besäße eine Liste mit Namen von Leuten, die der FSB ermorden lassen wolle - Litwinenko stand auch drauf.

Trepaschkin sitzt in Haft im Ural wegen des angeblichen Verrats von Staatsgeheimnissen. Kein Staat der Welt, so Tschaika, würde Ausländern erlauben, Häftlinge zu sprechen. Und mehr noch: "Herr Trepaschkin steht überhaupt nicht auf der Liste. Die Hälfe der Häftlinge, die heute in Gefängnissen sitzen, könnten wohl behaupten, dass sie über wichtige Informationen verfügen. Trepaschkin hat niemals im FSB gearbeitet. Wir sind nicht verpflichtet, auf alle Dummheiten zu reagieren. Sollte es ausreichende Gründe für seinen Verhör geben, dann werden wir ihn selbstverständlich verhören."
Weiterer Ex-Agent befürchtet Verstrahlung

Der nächste wichtige Mann wäre Andrej Lugowoj. Auch dieser Ex-Agent, heute ein stinkreicher Unternehmer mit eigenem Jet, hatte Litwinenko noch am 1. November in London getroffen. Jetzt liegt er ganz plötzlich im Krankenhaus und ist nicht zu sprechen. Angeblich wolle er sich und seine Familie auf mögliche Strahlenschäden untersuchen lassen. Vor einer Woche hatte er noch getönt, er sei Polonium-frei.

Scotland Yard jedenfalls steht er nicht zur Verfügung. Auch die Führung des FSB werden die Engländer nicht zu Gesicht bekommen. Da könne man doch gleich jeden in Russland fragen, meint Tschaika. Der Generalstaatsanwalt stellte auch klar, dass es keine Verhaftungen durch die Briten geben würde und wenn Russland jemanden festnähme, würde ihm der Prozess hier gemacht. Eine Auslieferung käme keinesfalls in Frage. Die Engländer wollen jedenfalls bis zum Abschluss der Untersuchungen im Lande bleiben - das kann dauern.

tagesschau.de
u4u|Wizz
Is klar dass die Russen mauern.

Ich meine der MI5 und der MI6 haben ja schon den FSB genannt.

Es ist schon interessant, was in Russland so passiert. Erst diese Moskowskaja oder wie die Tante hieß, die Bankmanager (2 Stück), jetzt der Gas-Unternehmer, und dann eben Litwinenko.
Thurgood
Die beiden Hauptverdächtigen im Fall des ermordeten russischen Ex-Agenten Litwinenko erwartet in Großbritannien offenbar kein Prozess - britische Polizei rechnet nicht mit Auslieferung.
Wie die britische Zeitung „Sunday Times“ unter Berufung auf Ermittlerkreise berichtete, sagten Scotland-Yard-Beamte der Witwe Litwinenkos, sie rechneten nicht mit einer Auslieferung des Ex-Agenten Andrej Lugowoj und des Geschäftsmannes Dimitri Kowtun.

Die britischen Polizisten hätten Marina Litwinenko erzählt, sie zweifelten nicht an der Schuld der beiden und hätten auch genügend Beweise für eine Anklage. Sie hätten jedoch „keine andere Wahl als die Akte zu schließen, weil sie keine Chance auf eine Auslieferung der Verdächtigen sehen“, sagten die Beamten dem Bericht zufolge.

Litwinenko hatte sich am 1. November 2006 mit Lugowoj und Kowtun im Londoner Millennium-Hotel getroffen und mit ihnen Tee getrunken. Drei Wochen später starb er an einer Polonium-210-Vergiftung. Medienberichten zufolge geht die Polizei davon aus, dass sich die radioaktive Substanz in dem Tee befand.

Am Freitag hatte die Zeitung „Guardian“ berichtet, Scotland Yard bereite ein Auslieferungsgesuch für Lugowoj vor. Die russischen Behörden wiesen Berichte zurück, wonach Lugowoj im Austausch gegen den in London lebenden Oligarchen und Kreml-Kritiker Boris Beresowski ausgeliefert werden könnte.

vol.at