Thurgood
Der tödliche Amoklauf eines 18-Jährigen an einer Realschule in Emsdetten hat eine neue Debatte über den Jugendschutz ausgelöst. So will Niedersachsens Innenminister Uwe Schünemann mit einer Bundesratsinitiative ein Verbot von gewaltverherrlichenden Computerspielen erreichen. Ziel sei ein Herstellungs- sowie ein Verbreitungsverbot, sagte ein Sprecher des Ministeriums in Hannover. Auch Bayerns Ministerpräsident Edmund Stoiber sprach sich für eine Bundesratsinitiative zum Verbot von sogenannten "Killer-Spielen" aus. Der bayerische Innenminister Günther Beckstein forderte, "Killer-Spiele" sollten "in der Größenordnung von Kinderpornographie eingeordnet werden, damit es spürbare Strafen gibt".
Brandenburgs Innenminister Jörg Schönbohm forderte ebenfalls neue gesetzliche Regelungen. Ein wirksamer Jugendschutz könne offenbar nur erreicht werden, wenn besonders schädliche Computerspiele nicht mehr hergestellt beziehungsweise der Zugriff für Jugendliche erheblich erschwert würde, sagte Schönbohm.
Selbstkontrolle der Spiele-Hersteller abschaffen
Schünemann forderte zudem die Abschaffung der "Unterhaltungssoftware Selbstkontrolle" (USK), eine von den Software-Herstellern unterstützte Einrichtung. Notwendig ist aus seiner Sicht ein neues Gremium zur Überprüfung von Computerspielen, das "rein in staatlicher Hand" liege. Die bisherige freiwillige Kontrolle sei offenbar zu lax, hieß es. Selbst bei Spielen, die ab 16 freigegeben sind, fließe reichlich Blut. Nach Angaben von Mitschülern war der Täter ein fanatischer Spieler des Computerspiels "Counter-Strike". Auf seiner Internetseite soll er die Geschwister-Scholl-Realschule virtuell für sein Computerspiel nachgebaut zu haben.
FDP-Rechtsexpertin: Debatte greift zu kurz
FDP-Justizpolitikerin Sabine Leutheusser-Schnarrenberger nannte die Debatte um ein Verbot bestimmter Computerspiele "kurzsichtig". Es sei eine Tatsache, dass im Internet brutale Spiele und Videos heruntergeladen werden könnten. Nationale Kontrolle und nationale Verbote liefen angesichts des weltumspannenden Internets ins Leere.
Grüne: "Einfältige Forderung"
Auch die Grünen sind dagegen, bestimmte Computerspiele zu verbieten. Wenn es zutreffe, dass der Täter isoliert gewesen sei und seine Zeit hauptsächlich mit dem Spielen von "Baller-Spielen" verbracht habe, müsse eine "Debatte um Förderung von Medienkompetenz und einer sinnvollen Computernutzung geführt werden", sagte Fraktionsgeschäftsführer Volker Beck der "Netzeitung". Die "einfältige Forderung" nach einem Verbot von "Killer-Spielen" reiche hier sicher nicht aus, zumal Verbotenes für Jugendliche bekanntlich umso reizvoller sei.
Amokschütze tötete sich mit Kopfschuss
Der 18-Jährige hatte gestern Vormittag die Realschule betreten, wild um sich geschossen und Rauchbomben gezündet. Anschließend tötete er sich mit einem Schuss in den Kopf, den er aus einer Vorderladerwaffe abgab. Solche Waffen sind ab 18 Jahren frei im Handel erhältlich.
Im Internet hatte der Täter einen Abschiedsbrief hinterlassen, der zahlreiche Drohungen gegen Lehrer und Schüler enthält. Als Motiv gab er Rache an sowie das Gefühl, sein Leben sei sinnlos. Insgesamt wurden bei dem Amoklauf 37 Menschen verletzt, fünf davon durch Schusswaffen.
Suche nach Komplizen
Vor dem Jugendgericht in Rheine hätte sich der junge Mann heute wegen Verstoßes gegen das Waffengesetz verantworten sollen. Woher er die Waffen hatte, ist noch nicht geklärt. Die Staatsanwaltschaft sucht nach Komplizen des Amokläufers. Sie setzt dabei auf Daten, die auf seinem PC gesichert wurden sowie seine Internetkontakte. Die Spurensuche und Tatortarbeit in der Realschule wird heute fortgesetzt. Der Betrieb an der Geschwister-Scholl-Realschule in der westfälischen Kleinstadt ruht weiter. Psychologen und Seelsorger betreuen die Schüler, um mit ihnen die gestrigen Ereignisse aufzuarbeiten.
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