Thurgood
Erstmals seit rund 20 Jahren will die US-Regierung eine neue Generation von Atomsprengköpfen entwickeln lassen. Die Projektile sollen ältere Sprengköpfe ersetzen, die nicht mehr sicher genug sein sollen. Kritiker warnen vor einer neuen Runde im Wettrüsten.
Die Liste der für das US-Militär konzipierten Atomsprengköpfe ist lang. Knapp hundert verschiedene Typen listet die Webseite www.nuclearweaponarchive.org auf, die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurden. Die Liste der tatsächlich produzierten Bomben endet im November 1989 mit dem Sprengkopf W-88, von dem 400 Stück für den Einsatz in Trident-II-Raketen ausgeliefert wurden.
Das Ende des Kalten Krieges bedeutete zugleich das Ende der Atomwaffenentwicklung - so schien es zumindest. Doch die Liste wird womöglich schon bald um mindestens eine neue Sprengkopfgeneration verlängert. Denn die US-Regierung hat sich gestern auf die Bauart eines neuen Atomsprengkopfs festgelegt. Wie die National Nuclear Security Administration (NNSA) mitteilte, hat das Lawrence Livermore National Laboratory (US-Bundesstaat Kalifornien) den Zuschlag für die Entwicklung erhalten.
Das Projekt mit dem Namen Reliable Replacement Warhead (RRW, Zuverlässiger Austausch-Sprengkopf) läuft bereits seit 2004. Neben dem Lawrence Livermore National Laboratory hatte sich auch das Los Alamos Laboratory in New Mexico darum beworben. In beiden Instituten wird an Kernwaffen geforscht. Thomas D'Agostino, Chef der US-Behörde für atomare Sicherheit NNSA, begründete die Entscheidung damit, dass der Livermore-Entwurf auf in den achtziger Jahren getesteten Sprengköpfen aufbaut. Neue unterirdische Tests seien deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nötig.
Neue Runde im Wettrüsten?
Die Entscheidung zum Bau eines neuen Atomsprengkopfs ist umstritten. Kritiker hatten angemerkt, dies sei genau das falsche Signal, wenn es darum gehe, Staaten wie Nordkorea vom Bau einer Atombombe abzuhalten. Zudem könne RRW eine neue Runde nuklearen Wettrüstens auslösen. "Wir müssen die Zahl der Waffen reduzieren und nicht vergrößern", sagte Daryl Kimball. Leiter der Arms Control Association der "New York Times". Dies werde China und Russland davon abhalten, ihre eigene Bestände aufzustocken.
NNSA-Chef D'Agostino erklärte hingegen, es werde kein neues Wettrüsten um eine neue Waffengeneration geben. "Das Design der RRW nutzt moderne Technologien, die es zu Zeiten des Kalten Krieges noch nicht gab, als die derzeit verwendeten Atombomben entwickelt wurden." Die neue Sprengkopfgeneration solle vor allem die Sicherheit deutlich erhöhen, die Sprengkraft bleibe unverändert. Langfristig solle RRW alte Sprengköpfe in den Lagern ersetzen.
Die US-Behörde für atomare Sicherheit hatte ihr Projekt RRW stets mit angeblich bestehenden Sicherheitsrisiken bei älteren Atomsprengköpfen begründet. Die Wartung älterer Systeme sei aufwendig, es werde zudem immer schwieriger, die Sicherheit zu gewährleisten.
Vor allem bei Atombomben der ersten Generationen hatten sich Bestandteile im Laufe der Jahre zersetzt - die Bomben stellten ein hohes Sicherheitsrisiko dar. Ob dies allerdings tatsächlich auch für die derzeit beim US-Militär verwendeten Sprengköpfe gilt, ist unter Wissenschaftlern umstritten.
Alternde Bomben
Wie schnell das in den Kernen eingesetzte Plutonium altert, war bereits Gegenstand mehrerer Studien. 2006 hatte eine Untersuchung im Auftrag der NNSA ergeben, dass Plutonium in Sprengköpfen eine Lebensdauer von 100 Jahren hat. Die in der US-Armee verwendeten Plutonium-Kerne sind jedoch höchstens 50 Jahre alt.
Kritiker der US-Atombehörde sehen das RRW-Projekt denn auch in erster Linie als Förderprogramm für die in den vergangenen Jahren vernachlässigte Atomforschung. Vor allem, weil Anfangs sogar eine Hybridlösung der von den Instituten Los Alamos und Livermore vorgeschlagenen Bauarten vorgesehen war. So hätten beide von dem Projekt profitiert.
Das Design des Livermore-Sprengkopfs, für das sich die NNSA nun entschieden hat, beruht auf dem Sprengkopf W-89. Er wurde in den achtziger Jahren auch unterirdisch getestet, seine Entwicklung jedoch 1991 beendet. Zum Design von W-89 gehören stabile Sprengstoffe, Sicherheit bei Feuer und ein besonders sicherer Zündungsmechanismus.
Die neue Sprengkopfgeneration ist vor allem für U-Boot-gestützte Trident-Raketen gedacht. Sie soll die bislang dort verwendeten W-76-Sprengköpfe ablösen. Denkbar sei jedoch auch, dass RRW in Raketen der Luftwaffe eingesetzt werde.
Die gestrige Entscheidung zur Entwicklung der RRW ist jedoch noch nicht endgültig. In den nächsten zwei Jahren muss der US-Präsident noch grünes Licht geben, damit ab 2012 die ersten Sprengköpfe getauscht werden können. Militärs gehen davon aus, dass die neue Waffengeneration die Zahl der Sprengköpfe von derzeit 6000 auf 2000 im Jahr 2012 reduzieren könnte.
spiegel.de
Die Liste der für das US-Militär konzipierten Atomsprengköpfe ist lang. Knapp hundert verschiedene Typen listet die Webseite www.nuclearweaponarchive.org auf, die seit Mitte des vorigen Jahrhunderts entwickelt wurden. Die Liste der tatsächlich produzierten Bomben endet im November 1989 mit dem Sprengkopf W-88, von dem 400 Stück für den Einsatz in Trident-II-Raketen ausgeliefert wurden.
Das Ende des Kalten Krieges bedeutete zugleich das Ende der Atomwaffenentwicklung - so schien es zumindest. Doch die Liste wird womöglich schon bald um mindestens eine neue Sprengkopfgeneration verlängert. Denn die US-Regierung hat sich gestern auf die Bauart eines neuen Atomsprengkopfs festgelegt. Wie die National Nuclear Security Administration (NNSA) mitteilte, hat das Lawrence Livermore National Laboratory (US-Bundesstaat Kalifornien) den Zuschlag für die Entwicklung erhalten.
Das Projekt mit dem Namen Reliable Replacement Warhead (RRW, Zuverlässiger Austausch-Sprengkopf) läuft bereits seit 2004. Neben dem Lawrence Livermore National Laboratory hatte sich auch das Los Alamos Laboratory in New Mexico darum beworben. In beiden Instituten wird an Kernwaffen geforscht. Thomas D'Agostino, Chef der US-Behörde für atomare Sicherheit NNSA, begründete die Entscheidung damit, dass der Livermore-Entwurf auf in den achtziger Jahren getesteten Sprengköpfen aufbaut. Neue unterirdische Tests seien deshalb mit großer Wahrscheinlichkeit nicht nötig.
Neue Runde im Wettrüsten?
Die Entscheidung zum Bau eines neuen Atomsprengkopfs ist umstritten. Kritiker hatten angemerkt, dies sei genau das falsche Signal, wenn es darum gehe, Staaten wie Nordkorea vom Bau einer Atombombe abzuhalten. Zudem könne RRW eine neue Runde nuklearen Wettrüstens auslösen. "Wir müssen die Zahl der Waffen reduzieren und nicht vergrößern", sagte Daryl Kimball. Leiter der Arms Control Association der "New York Times". Dies werde China und Russland davon abhalten, ihre eigene Bestände aufzustocken.
NNSA-Chef D'Agostino erklärte hingegen, es werde kein neues Wettrüsten um eine neue Waffengeneration geben. "Das Design der RRW nutzt moderne Technologien, die es zu Zeiten des Kalten Krieges noch nicht gab, als die derzeit verwendeten Atombomben entwickelt wurden." Die neue Sprengkopfgeneration solle vor allem die Sicherheit deutlich erhöhen, die Sprengkraft bleibe unverändert. Langfristig solle RRW alte Sprengköpfe in den Lagern ersetzen.
Die US-Behörde für atomare Sicherheit hatte ihr Projekt RRW stets mit angeblich bestehenden Sicherheitsrisiken bei älteren Atomsprengköpfen begründet. Die Wartung älterer Systeme sei aufwendig, es werde zudem immer schwieriger, die Sicherheit zu gewährleisten.
Vor allem bei Atombomben der ersten Generationen hatten sich Bestandteile im Laufe der Jahre zersetzt - die Bomben stellten ein hohes Sicherheitsrisiko dar. Ob dies allerdings tatsächlich auch für die derzeit beim US-Militär verwendeten Sprengköpfe gilt, ist unter Wissenschaftlern umstritten.
Alternde Bomben
Wie schnell das in den Kernen eingesetzte Plutonium altert, war bereits Gegenstand mehrerer Studien. 2006 hatte eine Untersuchung im Auftrag der NNSA ergeben, dass Plutonium in Sprengköpfen eine Lebensdauer von 100 Jahren hat. Die in der US-Armee verwendeten Plutonium-Kerne sind jedoch höchstens 50 Jahre alt.
Kritiker der US-Atombehörde sehen das RRW-Projekt denn auch in erster Linie als Förderprogramm für die in den vergangenen Jahren vernachlässigte Atomforschung. Vor allem, weil Anfangs sogar eine Hybridlösung der von den Instituten Los Alamos und Livermore vorgeschlagenen Bauarten vorgesehen war. So hätten beide von dem Projekt profitiert.
Das Design des Livermore-Sprengkopfs, für das sich die NNSA nun entschieden hat, beruht auf dem Sprengkopf W-89. Er wurde in den achtziger Jahren auch unterirdisch getestet, seine Entwicklung jedoch 1991 beendet. Zum Design von W-89 gehören stabile Sprengstoffe, Sicherheit bei Feuer und ein besonders sicherer Zündungsmechanismus.
Die neue Sprengkopfgeneration ist vor allem für U-Boot-gestützte Trident-Raketen gedacht. Sie soll die bislang dort verwendeten W-76-Sprengköpfe ablösen. Denkbar sei jedoch auch, dass RRW in Raketen der Luftwaffe eingesetzt werde.
Die gestrige Entscheidung zur Entwicklung der RRW ist jedoch noch nicht endgültig. In den nächsten zwei Jahren muss der US-Präsident noch grünes Licht geben, damit ab 2012 die ersten Sprengköpfe getauscht werden können. Militärs gehen davon aus, dass die neue Waffengeneration die Zahl der Sprengköpfe von derzeit 6000 auf 2000 im Jahr 2012 reduzieren könnte.
spiegel.de