Ende des Ölbooms in Russland absehbar

Thurgood
Russland ist einer der wichtigsten Energielieferanten für Europa. Nicht nur Gas auch Öl wird gefördert und in Pipelines gen Westen gepumpt. Doch mit dem Ölboom könnte bald Schluss sein, weil die russischen Erdölgesellschaften von Erbschaften der Sowjetzeit leben und eigentlich unprofitabel arbeiten.

Die Kassen des russischen Staats sind prall gefüllt. Die Ölkonzerne schwimmen in Geld, ihre Besitzer sind reich, manche ultrareich. Russland ist Ölexporteur Nr. 2, nach Saudi-Arabien, und der Ölpreis ist aus Erzeugersicht trotz eines leichten Rückgangs immer noch komfortabel hoch.

Da muss die Nachricht, der Boom könne bald zu Ende sein, wie eine Bombe einschlagen. Doch die Unkenrufe der russischen Alfa Bank, die selbst von einen steinreichen Oligarchen kontrolliert wird, sind ernst und wohl begründet. Die Experten haben nach Analysen herausgefunden, dass der Ölboom auf wackeligen Füßen steht und die typische russische Ölgesellschaft in den nächsten Jahren anstatt Gewinnen Wertverluste zwischen 25 und 40 Prozent hinnehmen muss.
Umdenken bei Anlegern und Konzernen

Erste Konsequenz: Am Kapitalmarkt werden die Aktienwerte der großen Ölkonzerne Lukoil, Rosneft, Sibneft, TNK-BP und anderen ausnahmslos von kaufen auf verkaufen, allenfalls auf halten gesetzt. Bislang erschien in der erfolgsverwöhnten russischen Erdölbranche keine Gewinnerwartung zu hoch.
Steigende Kosten und Steuern drücken die Bilanzen

Doch der genaue Blick in die Zukunft zeigt die strukturellen Schwächen des Geschäfts. Unprofitabel, so die Alfa-Bank-Experten, sei die Ölproduktion in Russland. Das läge an einem ständig kleiner werdenden Wachstum bei gleichzeitig erhöhter Nachfrage, erheblichen Investitionskosten, ständig wachsenden Kosten im operativen Geschäft und einer völlig überzogenen Besteuerung der Industrie.
Viele Ölfelder wurden in Sowjetzeiten erschlossen

So sei der jährliche Zuwachs der Ölproduktion von etwa 8,5 Prozent in den Jahren 2000 bis 2004 auf nur noch zwei Prozent in den beiden letzten Jahren gesunken. Heute würden Ölfelder ausgebeutet, die schon zu Sowjetzeiten mit altem Geld erschlossen worden waren. Neue indes werden kaum eröffnet. So genannte Greenfields, also neue Ölquellen, seien zudem nicht rentabel. Für 45 potentiell neue Ölfelder, zum Teil in Regionen mit harschen klimatischen Verhältnissen gelegen, hat man durchgerechnet, ob sich eine Erschließung lohne. Niederschmetterndes Ergebnis: lohnt sich nicht! Nur solche Gesellschaften könnten zur Zeit überhaupt Gewinne machen, die ein lukratives Downstream-Geschäft hätten, also solche, die Raffinerien betreiben oder ein großes Tankstellennetz besitzen.

Der russische Staat besteuere zudem die Ölgesellschaften nach dem Motto, Ölerzeugung ist billig, schöpfen wir die Gewinne ab. Dies sei ein gravierender Fehler, weil so das Geld für dringend gebotene Investitionen in neue Ölfelder fehle. Es werde erst wieder profitabel, wenn der Ölpreis auf dem Weltmarkt auf 100 Dollar pro Barrel steige. Und das ist etwas, was sich die Verbraucher niemals wünschen.

Fazit: Russlands Ölindustrie, eine der tragenden Säulen des Wirtschaftswachstums, ja des gesamten Staatsbudgets, sieht sich folglich einer schweren Krise gegenüber.

tagesschau.de